Nachrufe

Meinhard Schuster (1930–2021)

Zum Tod von Meinhard Schuster

Ein Nachruf von Thomas Waldmann, erschienen am 13. März 2021 in der Basler Zeitung
Der Ethnologe Meinhard Schuster war während 30 Jahren Professor an der Universität Basel.
Er war für viele eine wegweisende Instanz, ein Vorbild. Meinhard SchustersHauptaugenmerk galt den Menschen und ihrem Platz in der Gemeinschaft: auf Expeditionen am Sepik-Fluss in Neuguinea und im südvenezolanischen Regenwald, oder wenn er zu ethnografischen Feldübungen im elsässischen Töpferdorf Soufflenheim anregte.
Den Jäger, die Sammlerin, den Schnitzer, die Pflanzerin, die Hüterin der Nahrung, oder den Töpfer als sprechende und schöpferisch schaffende Individuen in ihrer Lebensweise zu verstehen und ihre Eingebundenheit in Dorf- und Clanstrukturen, in Mythologie und Ritual zu zeigen, war ihm wichtiger als theoretische Forschungssysteme. Als akademischer Lehrer ging er auf seine Studierenden zu, zugänglich auch ausserhalb der Lehrveranstaltungen, war er massgeblich an der familiären Atmosphäre im Ethnologischen Seminar am Basler Münsterplatz beteiligt. Dem Journalisten und Autor dieser Zeilen gewährte er Zugang zu Seminaren und Vorlesungen und verhalf so zu Einblicken in ethnologische Zusammenhänge. «Ja, kommen Sie doch», lautete sein mehrfach geäusserter, aufmunternder Satz.
Meinhard Schuster, der in seinem 91. Lebensjahr in Basel verstorben ist, wurde am 17. Mai 1930 in Offenbach am Main geboren. Er studierte in Frankfurt, promovierte über die Kopfjagd in Indonesien und wurde Assistent am Frobenius-Institut in Frankfurt am Main. Seine erste Feldforschung führte ihn 1954/1955 zu den bis dahin kaum erforschten Waika, einer Gruppe der Yanomami am Orinoco in Südvenezuela. 1961 bereiste der Forscher erstmals Neuguinea.
1965 kam Schuster nach Basel und wurde Leiter der Ozeanien-Abteilung am Völkerkundemuseum, dem heutigen Museum der Kulturen. Mit Teilen seiner Südamerikaforschung habilitierte er sich für die Universität Basel und war von 1970 bis 2000 als ordentlicher Professor für Ethnologie tätig. 1978/1979 war er zudem Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät und von 1984 bis 1986 Präsident der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft. 1985 wurde er mit seiner Frau Gisela ins Basler Bürgerrecht aufgenommen.
Die 2012 verstorbene Gattin begleitete ihn auf vielen Reisen, auch an den Sepik-Fluss, wo sie gemeinsam eine Dokumentation über das Töpferdorf Aibom erarbeiteten, mit Erkenntnissen zu Feuerschalen, die symbolisch eine Muttergottheit darstellen Sie war auch die treibende Kraft zur Erhaltung seiner Tagebücher, die derzeit aufgearbeitet werden.
Schuster beeinflusste aktiv den Aufbau des Zentrums für Afrikastudien in Basel und führte 1989 gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Gottfried Boehm ein Seminar über aussereuropäische Kunst durch. Es gilt heute als Keimzelle für spätere Publikationen und Ausstellungen.
Der Ethnologe warnte vor Entwicklungen, die man von aussen an Kulturen heranträgt, ohne die innere Vernetzung eben dieser Kulturen zu berücksichtigen. Und er bewies Humor – etwa bei der Präsentation historischer Quellen über ein Bärenfest in Ostsibirien, an dem der Bär zu küssen sei. Wer Meinhard Schuster erlebt hat, als Forscher, Lehrer und als Zeitgenosse, wird ihn nicht vergessen.

Theo Gantner (1931–2021)

Zum Tod von Theo Gantner

Am 11. März ist Dr. Theo Gantner, Alt Präsident 1982-1986 und langjähriges Mitglied der SGV, verstorben. Ein Nachruf von Dominik Wunderlin, pens. Leiter der Abteilung Europa am Museum der Kulturen, erschienen am 22. März 2021 in der bz Basel. 

Zumindest für Aussenstehende recht überraschend verschied am vergangenen 11. März in Muttenz eine Persönlichkeit, die als akademisch geschulter Volkskundler über lange Zeit und wiederholt durch seine wissenschaftlichen Leistungen weit über Basel hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Theo Gantners Weg in ein Basler Museum, ins heutige Museum der Kulturen, war für den stark katholisch geprägten Sarganserländer nicht vorgegeben.
Geboren am Dreikönigstag 1931 im Bergdorf Flums SG unterrichtete er zwischen 1950 und 1963 in verschiedenen Schulen, zuletzt am Progym in Muttenz. Ab 1961 studierte er in Basel Volkskunde, Soziologie und Ethnologie und ebenso ein Semester lang in Tübingen, wo er seine spätere Frau Hildegard Schlee kennen lernte. Zur Weiterbildung trat er 1963 in die Abteilung Europa ein und assistierte den aus Walenstadt stammenden Robert Wildhaber. 1967 promovierte Gantner mit der Dissertation «Volkskundliche Probleme einer konfessionellen Minderheit, dargestellt an der römisch-katholischen Diaspora der Stadt Basel».
Gemeinschaft und Gruppe blieben auch ein wichtiges Thema in seiner Zeit (1968-1996) als Leiter der Abteilung Europa, die sich damals noch selbstbewusst «Schweizerisches Museum für Volkskunde» nennen durfte. Ausstellungen zu Freimaurern und Service-Clubs, zu Jugendvereinen, zu den Handwerksgesellen auf der Walz, zum Couleurstudententum und zu Gewerkschaften sorgten für Aufmerksamkeit und zeigten auf, dass ein Volkskundemuseum auch jenseits des traditionellen Kanons etwas zu sagen hat.
Dies bewies er ebenso bei einem zweiten Schwerpunkt seiner Ausstellungstätigkeit, nämlich mit seinen vorbildhaften Auseinandersetzungen mit populären Bildmedien (Wandschmuck, Kalenderillustrationen, Festumzugsdarstellungen). Mehrfach griff er dabei Themen auf, die vergleichbare Häuser im In- und Ausland erst Jahre später zur Ausstellung bringen sollten. Pionier war er auch beim Aufbau der ersten digitalen Sammlungsdatenbank in einem Basler Museum.
Der Verstorbene war Lektor an der Universität Basel und aktiv in zahlreichen Gremien, so bei der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, bei der Stiftung Brotkultur Schweiz, in Kommissionen anderer Museen, bei der katholischen Landeskirche BL, bei den Alt-Hatstättern und beim Rotary Club. In den letzten Jahren machte ihm das schwindende Augenlicht zunehmend Probleme. Er hinterlässt zwei Kinder und mehrere Enkelkinder.